Für welche Funktionen ist die phonologische Schleife zuständig? Wie konnten diese experimentell festgestellt werden?

Kapitel 4
phonologische Schleife
Funktionen

Antwort

Die phonologische Schleife ist Teil des Arbeitsgedächtnisses gemäss dem Multikomponentenmodell von Baddeley und Hitch. Neben der phonologischen Schleife besteht dieses Modell aus dem visuellräumlichen Notizblock, der zentralen Exekutive sowie dem episodischen Puffer. Die phonologische Schleife dient dabei der vorübergehenden Speicherung von verbalen/akustischen Informationen (Baddeley et al., 2020, S. 103).

Es wird angenommen, dass die phonologische Schleife aus zwei Subkomponenten besteht. Einerseits aus dem phonologischen Kurzzeitspeicher («inneres Ohr») mit begrenzter Kapazität, wo wenige Elemente als Gedächtnisspuren registriert werden, und innerhalb weniger Sekunden abklingen.  Andererseits aus einem artikulatorischen Kontrollprozess («innere Stimme»), mit dessen Hilfe die Elemente innerlich wiederholt werden können, um sie für ein längeres Behalten aufzufrischen. In diesem Zusammenhang ist auch die Bezeichnung «Schleife» zu verstehen (Baddeley et al., 2020, S. 44).

Die phonologische Schleife ist gemäss dem heutigen Kenntnisstand für die folgenden Funktionen zuständig:

  • Erwerb einer Fremdsprache

  • Spracherwerb allgemein

  • Erwerb der Grammatik und Lesefähigkeiten

  • Handlungskontrolle

Im Folgenden wird der Zusammenhang jeder dieser Funktionen mit der phonologischen Schleife erläutert und es wird aufgezeigt, wie dies experimentell festgestellt werden konnte.

Erwerb einer Fremdsprache

Erste Hinweise auf die Beteiligung der phonologischen Schleife beim Lernen einer neuen Sprache lieferte die Patientin PV. Nach einem Schlaganfall im Erwachsenenalter wies PV ein Defizit der phonologischen Schleife auf. Das visuelle Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis waren hingegen intakt, die Intelligenz lag im durchschnittlichen Bereich. Beim Test bezüglich der semantischen Kodierung (acht Wortpaare in ihrer Muttersprache Italienisch lernen) waren keine Abweichungen zur Kontrollgruppe festzustellen. Hingegen beim Lernen von Wörtern in einer Fremdsprache (italienisch-russische Wortpaare), wo die Funktion der phonologischen Kodierung getestet wurde, konnte sich PV kein einziges Wortpaar merken und wich damit deutlich von der Kontrollgruppe ab. Es wurden weitere Studien mit Teilnehmenden ohne Defizite im Kurzzeitgedächtnis durchgeführt. Dabei wurden entweder die phonologische Schleife durch die artikulatorische Unterdrückung gestört oder durch die Variation bei der phonologischen Ähnlichkeit oder der Länge der zu lernenden Fremdwörter beeinflusst. Sämtliche Ergebnisse stützten die aus PV gezogenen Schlussfolgerungen, dass die phonologische Schleife beim Erwerb einer Fremdsprache eine wichtige Rolle spielt (Baddeley et al., 2020, S. 75/76).

Spracherwerb allgemein

Eine Studie ging der Frage nach, ob Kinder mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen ein Defizit in der phonologischen Schleife aufweisen. Diese achtjährigen Kinder hatten eine normale nonverbale Intelligenz, aber die Sprachentwicklung von Sechsjährigen. In Gedächtnistests zeigten sie sich besonders beeinträchtigt, wenn es darum ging, unbekannte Pseudowörter nachzusprechen. In einem Nichtwort-Wiederholungstest, bei dem Pseudowörter unterschiedlicher Länge wiederholt werden mussten, schnitten die Kinder mit Sprachstörungen schlechter ab als normal entwickelte Kinder gleichen Alters und sogar schlechter als jüngere Kinder mit vergleichbarer Sprachentwicklung Ihre Fähigkeit zur Wiederholung entsprach eher der von Vierjährigen. Die Vermutung, dass dieses Defizit mit der verzögerten Sprachentwicklung zusammenhängen könnte, wurde mit einer Gruppe von Vorschulkindern getestet. Diese wurden mit einem Test zur Nichtwort-Wiederholung, nonverbalen Intelligenz und ihrem Wortschatzniveau geprüft. Es zeigte sich, dass die Fähigkeit, unbekannte Laute nachzusprechen, stark mit der Entwicklung des Vokabulars korrelierte. Auch die Ergebnisse weiterer Studien lieferten Hinweise darauf, dass das phonologische Kurzzeitgedächtnis eine entscheidende Rolle beim Spracherwerb einnimmt (Baddeley et al., 2020, S. 76/77).

Erwerb der Grammatik und Lesefähigkeiten

Es ist wahrscheinlich, dass die phonologische Schleife auch den Erwerb von Grammatik und das Lesen erleichtert. Der Nichtwort-Wiederholungstest wird tatsächlich relativ häufig auch zur Diagnose von Legasthenie eingesetzt, obwohl eine reduzierte Kapazität der phonologischen Schleife vermutlich nur eine von mehreren Variablen ist, welche die komplexe Fähigkeit des Lesenlernens beeinflussen können (Baddeley et al., 2020, S. 77).

Handlungskontrolle

Die phonologische Schleife kann auch zur Steuerung von Handlungen beitragen. In einer Studie wurde zum Beispiel die Fähigkeit untersucht, die Aufmerksamkeit zwischen zwei Aufgaben zu wechseln. Die Teilnehmenden mussten entweder eine Serie von Ziffern um eins addieren oder subtrahieren, also beispielsweise bei der Zahl 6 sollte die Antwort 7 oder 5 sein. Sie bekamen entweder eine Spalte mit Additionen, eine mit Subtraktionen oder sie mussten abwechseln. Das Alternieren verlangsamte die Leistung erheblich. Und es kam zu einer weiteren deutlichen Verlangsamung, wenn die Versuchspersonen gleichzeitig immer wieder ein irrelevantes Wort aussprechen mussten. Eine artikulatorische Unterdrückung scheint also mit der Aufgabenwechselleistung zu interferieren. Dies verhinderte jedoch keine genaue Leistung, was darauf hindeutet, dass die Schleife nützlich, aber nicht notwendig für das Wechseln ist. Ähnliche Effekte wurden auch in anderen Studien festgestellt. Die Rolle der phonologischen Schleife bei der Handlungssteuerung scheint darin zu bestehen, einen Plan oder eine Strategie aufrechtzuerhalten, die wiederum von der flexibleren zentralen Exekutive gesteuert wird. Auffällig ist, dass Versuchspersonen bei psychologischen Experimenten häufig auf verbale Kodierung zurückgreifen, um ihre Aufgaben zu bewältigen. Solche verbalen Selbstanweisungen mit Hilfe der phonologischen Schleife scheinen vor allem bei komplexen Handlungen sehr nützlich zu sein (Baddeley et al., 2020,  S. 77-79).

Diese Ausführungen zeigen deutlich auf, dass die phonologische Schleife für einige wichtige Funktionen zuständig ist und wie sie daher auch für unseren Alltag relevant ist.

Literaturverzeichnis

Baddeley, A., Eysenck, M.W. & Anderson, M.C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge.

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Es werden zwar die wichtigsten Funktionen der phonologischen Schleife aufgezeigt. Allerdings wird nicht klar, weshalb diese Funktionen aus einer theoretischen Perspektive anzunehmen sind. So müsste etwa bei der Handlungskontrolle erläutert werden, wieso überhaupt angenommen wird, dass die phonologische Schleife mit der Handlungskontrolle zusammenhängt.

Alle Informationen für diesen Text sind in Kapitel vier zu finden. Die Informationen in Kapitel drei zum Thema phonologische Schleife werden nicht mit einbezogen, wodurch generellere theoretische Aspekte fehlen.

Achten Sie darauf, nicht nur das Buch selbst, sondern die dort aufgeführten Quellen zu zitieren. Nutzen Sie dafür das Zitieren von Sekundärliteratur.

Note: 4.75